Warum Jungen nicht so gerne lesen ...

DSCN0115„Jungen lesen viel weniger als Mädchen" – das ist die Aussage vieler wissenschaftlicher Studien. Und 80 Prozent der Schüler mit Lese-Rechtschreib-Schwäche sind Jungen, so die alarmierende Bilanz der PISA-Studie 2000. Seit dieser Zeit machen sich Lehrer, Bibliothekare, Eltern und sonstige Fachleute mehr denn je Gedanken darüber, wie dieser große Unterschied beim Leseverhalten zwischen Mädchen und Jungen überhaupt zustande kommt.

Warum lesen viele Jungen heutzutage so gut wie gar nicht mehr und wie können sie motiviert werden, in ihrer Freizeit auch mal ein Buch in die Hand zu nehmen?

Jungen haben andere Interessen

„Lesen ist irgendwie langweilig. Ich spiele lieber Fußball. Das ist cooler und macht viel mehr Spaß", erzählt der 9-jährige Marcel. „Bücher sind was für Mädchen", fügt er noch hinzu.

Mit dieser Meinung steht der Grundschüler nicht alleine da. Viele Jungen interessieren sich einfach mehr für Sport, Computer und Konsolen. Für die Mädchen hingegen gehören Bücher einfach dazu. Sie reden mit Freundinnen über die gelesenen Geschichten und tauschen sich auch über die neusten Bücher aus. Jungen hingegen setzen da ganz andere Prioritäten. Statt ein Buch zu lesen, klemmen sie lieber das Skateboard oder den Fußball unter den Arm und treffen sich mit Freunden. Abends entspannen sich gerade ältere Jungen gerne am Computer oder vor dem Fernseher.

Fehlende Vorbilder

Ein Grund für das fehlende Interesse der Jungen an Büchern liegt unter anderem an ihren männlichen Vorbildern, von denen es heute leider viel zu wenige gibt – besonders im Bereich der Frühpädagogik. Die Väter – sofern sie überhaupt mit der Familien zusammen leben - lesen eher Fachliteratur oder werfen einen Blick in die Zeitung. Und das geschieht meistens auch erst dann, wenn der Nachwuchs bereits tief und fest schlummert. Oft sind es Frauen, die mit einem Buch in der Hand gesichtet werden und die den Kindern etwas vorlesen. Zu Hause ist es die Mutter, im Kindergarten die Erzieherin und in der Grundschule – die ebenfalls ein wichtiger Ort für die Leseförderung ist – sind es meist Lehrerinnen.

Ein andere Vermutung, warum Jungen Bücher gerne links liegen lassen, ist der Einzug von Computern in die Kinderzimmer. Im Wettbewerb mit Konsole, Fernseher und Computer zieht das gute alte Buch gerade bei Jungen oft den Kürzeren.

Abenteuer, Spannung und Action stehen hoch im Kurs

Laut einer Studie der Literaturwissenschaftlerin Christine Garbe bevorzugen Jungen Geschichten mit Spannung und Aktionsreichtum, Abenteuer und Kampf, Herausforderung und Bewährung sowie  Reise- und Heldengeschichten. Während Mädchen Geschichten mit Bezug zu ihrem eigenen Leben wählen und sich mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld auseinander setzen, greifen   männliche Leser oft nach Lesestoff  mit Bezug zu anderen und fremden Welten. Auch historische Romane und Heldengeschichten wie Fantasy und Science Fiction kommen bei Jungen super an.

„Der Buchmarkt hat enorm auf die Studien und die Situation der Jungen reagiert", so die Bibliothekarin Renata Möllers. „Die klassischen Abenteuerhelden tauchen allerdings nur selten in der Literatur auf, da sich die Lebenssituation der Jungen im Vergleich zu früher einfach geändert hat. Die Jungen leben überwiegend in Städten und erleben heute ganz andere Abenteuer."

Noch überwiegen Fantasyromane den Buchmarkt für Jungen, doch so langsam scheint dieses Genre gesättigt zu sein. Krimis und Thriller speziell für Jungen machen sich mehr und mehr in den Regalen der Büchereien und Buchläden breit. „Für viele Jungen kann es nicht spannend genug sein", weiß Bibliothekarin Möllers. Schon für Leseanfänger ab 8 Jahren gibt es beispielsweise die Spannungsserie „Beast Quest" aus dem Loewe-Verlag, die sich großer Beliebtheit erfreut. Romanhelden wie der liebenswerte Briefträger Pitje Puck, der die Leseanfänger vor 30 Jahren erfreut hat, würde heute wahrscheinlich ein großer Flop werden ...

Historische Romane hingegen werden nach wie vor gerne gelesen. Gekoppelt mit einer Zeitreise gibt es für Jungen ab 8 Jahren die Buchreihe ´"Das magische Baumhaus", ebenfalls aus dem Loewe-Verlag. Für etwas ältere Jungen sind die Reihen „Kolumbus und du" oder die „Kim-Reihe" aus dem Coppenrath-Verlag zu empfehlen.

Wenn die Kinder erstmal Geschmack an einer solchen „Buchreihe" gefunden haben, dann möchten sie am liebsten alle Bücher davon verschlingen." Das gilt übrigens für alle Serien, sei es das magische Baumhaus oder auch Harry Potter. „Daraus kann sogar ein kleiner Wettbewerb zwischen den Jungen entstehen, in dem es darum geht, wer als erster alle Bände gelesen hat oder wer am weitesten ist", hat Grundschullehrerin Kathrin Beile beobachtet. Wenn ein Junge hier „Blut" geleckt hat, dann sind Eltern schon einen großen Schritt weiter ...

Jungen lesen anders als Mädchen

„Grundsätzlich lesen Jungen auch anders als Mädchen", so Kathrin Beile, „sie zeigen ihre Gefühle nicht so offen und kommen allgemein schwerer mit ihnen zurecht."

Literaturwissenschaftlerin Garbe hat herausgefunden, dass Jungen Geschichten mit äußerer Handlung  - also einen Kampf gegen äußere Hindernisse oder Feinde bzw. die Bewältigung von Herausforderungen etc. - bevorzugen.  Außerdem lesen sie eher sachbezogen und somit distanzierter als Mädchen.

„Durch diese Distanz geht oft einfach ein großes Stück Lesefreude verloren", merkt Bibliothekarin Möllers an. „So ist es auch kein Wunder, dass das Lesefieber viele Jungen nicht richtig packen kann."

Ihr Appell an alle Lesemuffel: Stellt euch der emotionalen Herausforderung und setzt euch durch das Lesen mit den eigenen Gefühlen auseinander.
Wenn Jungen zu „realen Lebenswelten" im Buchregal greifen, dann zu Themen, die sie selbst interessieren. Wer gerne Fußball spielt, greift schon mal gerne zu einem Fußballbuch, da er sich mit den Geschehnissen und Problemen der Geschichte besser identifizieren kann.

Für ältere Jungen stehen dann Themen rund um Freundschaft, der ersten Liebe und natürlich die eigene Sexualität im Vordergrund. Die Verlage und Autoren gehen sehr gut auf die Wünsche der Jungen ein. In Buchreihen wie „Gregs Tagebuch" geht es um die Gefühle und Erlebnisse eines normalen Teenagers. In witziger Tagebuchform geschrieben schildert ein geplagter Junge seine liebe Not mit Schule, Mädchen und Eltern.

Über den Film zum Buch

Noch ein kleiner Tipp: Jungen kommen über den Film leichter zum Buch. Viele Romane werden verfilmt, so z. B. die wilden Kerle oder Harry Potter. Wenn der Film bei den Jungen gut angekommen ist, greifen sie oft auch lieber zum Buch.

Generell solltet ihr eurem Kind nur Bücher kaufen, die ihm auch gefallen. Dabei ist es egal, worüber das Buch handelt. Sei es ein Sachbuch, ein Comic, einfach gestrickte Detektiv- und Gruselromane, Abenteuerbuch oder ein Fußballschmöker. Wichtig ist es, dass der Junge Spaß hat, sein Buch zu lesen.

Tipps und Ratschläge, wie das Interesse der Jungen für Bücher geweckt werden kann, gibt es viele. Doch die genauen Ursachen für die Lesefaulheit der Jungen und der Ursprung werden nur ansatzweise erklärt. Das Argument, es gäbe nicht ausreichend attraktive Literatur für junge Leser, ist nicht wirklich haltbar, denn der Buchmarkt für Kinder und Jugendliche boomt und hat wirklich alles zu bieten. Statt einer eindeutigen und plausiblen Erklärung gibt es nur einzelne Ansätze, die mit mehr oder weniger einleuchtenden Argumenten versuchen, diesem Phänomen auf die Schliche zu kommen.  Da kommt die Frage auf: Haben Jungs überhaupt schon einmal so viel gelesen wie die Mädchen? Ist der „Lesemuffel Junge" vielleicht nur ein Ergebnis erhöhter Aufmerksamkeit in der heutigen Zeit?

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